Mosaik Support Center: Ein Mosaik von Persönlichkeiten im Herzen der Stadt

ARTIKEL IN POLITIKA LESVOS vom 15.07.16

Von Natasha Papanikolaou

Oskar Wilde hat einmal die folgende hintergründige Ansicht formuliert: der größte Teil der Menschheit sind andere Menschen. Für diese exzentrische Formulierung bieten sich verschiedene Interpretationen an. Eine davon ist die Ansicht, dass jeder Mensch aus einem Mosaik verschiedener Identitäten besteht, die sich je nach den Umständen manifestieren. Das ist in der Tat so mit einem Geflüchteten. Er ist nicht nur eine Person, die vor dem Krieg geflohen ist, zugleich kann er der Vater zweier Kinder sein, ein Lehrer, ein Sportbegeisterter, ein Tierliebhaber. Vielleicht war er der größte Sammler von Schallplatten in seiner Stadt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der 19jährige Sham aus Pakistan. Im Gefolge des Buchs seines Landsmanns Afzal Shauq „The Peace Wisher“ schreibt er die erstaunlichsten Gedichte für sein Alter. Er und Ali Reza, Regisseur aus dem Iran, sind aktiv im Mosaik Support Center, dem ersten Zentrum für Ausbildung und Kultur für Geflüchtete, das in Mytilini, der Hauptstadt der Insel Lesvos, seit Juli arbeitet.

Mit dem täglichen Unterricht in Griechisch, Englisch und Arabisch (für die freiwilligen Helfer, die im Zentrum arbeiten), mit Workshops, die sich mit Weben und der Produktion verschiedener Gegenstände aus wiederverwendbaren Materialien – wie etwa Rettungswesten – befassen und einem starken Team, das Rechtshilfe anbietet, erweist sich das Mosaik Support Center in der Sappho Street als ein wertvolles Zentrum in der Stadt, als kostbares und wichtiges Teilstück des großen Mosaik der Integration.

Weit weg von den Flüchtlingslagern befindet sich das Zentrum in einem renovierten Haus aus dem Jahr 1868 – das Datum findet sich in dem beeindruckenden Mosaik aus schwarzen und weißen Kieselsteinen am Eingang des Gebäudes. Hier entdecken Geflüchtete, die auf unserer Insel festgehalten werden, ihre verschiedenen Identitäten und kultivieren Fertigkeiten und Interessen, die sie zuvor als Bürger unserer Welt ausgemacht haben.

“Mit der Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei mussten wir den Rahmen unserer Arbeit mit den Geflüchteten überdenken. Anfangs haben wir uns um die Bedürfnisse der Menschen, die nur ein paar Tage auf der Insel geblieben sind, gekümmert. Aber nach dem „Deal“ mit der Türkei, hatte sich die Situation geändert. Wir haben gesehen, dass die Bearbeitung der Asylanträge und infolgedessen die Auseinandersetzung mit den möglichen Abschiebungen einige Zeit dauern würde. Deswegen würden die Menschen, die Lesvos erreicht hatten, einige Zeit hier verbringen müssen. Sie wollen nicht in Griechenland bleiben. Sie wollen nach Deutschland oder Schweden. Sie sind hier aber „steckengeblieben“ und müssen sich an die hiesige Gesellschaft anpassen und ihre Sprache verstehen.“ Das sagte uns Chloe Haralambous, ein Mitglied von Borderline-Europe, die mit Lesvos Solidarity-Pikpa Mosaik ins Leben gerufen haben.

Im Anschluss an wichtige Initiativen einer Reihe von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), die unbegleitete Minderjährige bei ihrer möglichst unkomplizierten Eingliederung in ihre neue Umgebung unterstützen, und die gute Arbeit des „Hospitality Center“ von Kara Tepe, wird das Engagement von Mosaik für die Geflüchteten von den Menschen in Mytilini unterstützt, trotz der schwierigen Zeiten, die ihnen bevorstehen.

„Von Anfang an“, erzählt Chloe Haralambous, „sind wir in Kontakt mit den Menschen in der Nachbarschaft gewesen. Wir haben auf dem nahegelegenen Markt eingekauft und die Kontakte benutzt, um über unsere Aktivitäten und Ziele zu informieren. Wir haben kaum Probleme gehabt. Darüber hinaus stammen eine Reihe von Frauen, die unterrichten oder sich um die Kinder der Studenten während des Unterrichts kümmern, von der Insel. Wir haben das wirklich angestrebt: Leute von hier, die sich mit der Frage der Geflüchteten in ihrer Stadt auseinandersetzen. In gleicher Weise haben wir versucht, die Geflüchteten in die Stadt zu bringen, in eine Umgebung, die sich vollständig unterscheidet von den Camps, damit sie ein paar Stunden nicht als Geflüchtete existieren und mit der örtlichen Gemeinschaft in Kontakt kommen.“

Das Programm von Mosaik, an dem bereits 400 Menschen teilnehmen, ist offen für jeden, wenn er regelmäßig ernsthaft teilnimmt. Der Weg zum Zentrum erfolgt mit Bussen des Öffentlichen Personennahverkehrs; ermäßigte Fahrscheine für Lehrgangsteilnehmer aus den Camps werden von „Ärzte ohne Grenzen“ in Zusammenarbeit mit Mosaik zur Verfügung gestellt.

“Wir würden auch gerne mit Menschen aus Moria zusammenarbeiten,“ führt Chloe Haralambous weiter aus. „Wir hoffen alleinstehende erwachsene Männer zu erreichen, die den größten Teil der Geflüchteten ausmachen, insbesondere deswegen, weil viele NGOs und Institutionen sich schon um unbegleitete Minderjährige und Familien kümmern.

Nichtsdestotrotz, wie in allen Kulturzentren, sind es zunächst Frauen, die präsent sind. „Es stimmt, das wir voller Frauen und Babys sind, die zuerst kamen. Deswegen haben wir einen speziellen Bereich eingerichtet, in dem Babys und kleine Kinder versorgt werden, während ihre Eltern am Unterricht teilnehmen. Außerdem kommen viele Menschen ins Mosaik, um rechtliche Unterstützung und Beratung von der kürzlich gestarteten Lesvos Legal Group unter der Leitung von Carlos Orjuela zu erhalten, der sagt: „Wir sind hier, um unsere Dienste jedem anzubieten, der sie benötigt, und um sie über Fragen bezüglich Asylanträgen zu informieren.

“Es ist unser Ziel, finanzielle Mittel zu erhalten, damit die Mitarbeiter von Mosaik bezahlt werden können; Freiwillige kommen und gehen“ sagt Chloe, die sich bald nach New York aufmacht auf der Suche nach Spendern für die Arbeit von Mosaik.

Chloe, die Wurzeln in Molyvos hat, war auf der Insel seit Sommer 2015 und hat von Anfang an das Drama der Geflüchteten, die auf Lesvos landeten, ebenso erlebt wie die wechselnden Stimmungen der Inselbewohner im Hinblick auf dieses Drama. „Es gibt einen großen Argwohn und viel Skepsis, was die NGOs angeht. Meine Erfahrungen im Dorf Kleio und mit der Käsefabrik Kolios haben mir gezeigt, dass die Menschen dort nicht so sehr gegen die Geflüchteten eingestellt waren, sondern gegen die Nord-Europäer, die die Insel mit ihren NGOs „überfallen“ haben, eine Situation, die ihnen scheinheilig vorkam, wenn sie sie mit den offiziellen Positionen Europas und dem Platz, den Griechenland darin eingenommen hat, verglichen haben.“

An diesem Freitag organisiert Mosaik eine Feier für die Menschen aus der Nachbarschaft. „Ich könnte einige meiner Gedichte lesen“, sagt Ali Reza, der an einer Umarbeitung von „Warten auf Godot“ in „Warten auf das Asyl“ arbeitet. „Wir werden eine Party für die Menschen aus der Nachbarschaft organisieren, die so viel geholfen haben. Das letzte Mal, als wir eine „talent show“ gemacht haben, kamen eine Menge Menschen, einige hingen sogar am Eingangszaun. Es war toll“, sagt der Dramatiker aus dem Iran, der auch einer der Übersetzer im Zentrum ist.

Fotos von Vasilis Kazazis und Julian Köberer
Übersetzung von Wolfgang Köberer

“Mosaik“ für Geflüchtete und die Lokalbevölkerung

ARTIKEL AUF EMPROS.NET – 01.09.16

Von Anthi Pazianou

Während der Zustrom der Geflüchteten in Richtung Lesvos wächst, ist unklar, was mit dieser Notsituation passieren wird, die unsere Insel in den Fokus des internationalen Interesses gerückt hat. Eine Sache jedoch ist klar: seit dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei und der Schließung der europäischen Grenzen stecken einige tausende Geflüchtete auf Lesvos fest, einige davon seit mehr als sechs Monaten.

Möglicherweise hat das Bildungsministerium eine Art Plan zur Deckung des Bedarfs von Flüchtlingskindern, jedoch hat der Staat bereits bewiesen, dass er keinen allumfassenden Plan für das tägliche Leben dieser Menschen hat. Gleichzeitig haben Nichtregierungsorganisationen, finanziert von europäischen Programmen, sich um die Deckung der absoluten Grundbedürfnisse dieser Menschen bemüht. Als Reaktion auf diesen Zustand haben Freiwillige der Organisationen „Lesvos Solidarity“ und „Borderline-Europe“ das „Mosaik Support Center“, nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für die lokale Bevölkerung, eröffnet. Efi Latsoudi und Julian Köberer haben „Empros“ auf einer Tour durch das Center geführt.

Öffentliche Verkehrsmittel

„Mosaik“ ist vom frühen Morgen bis in den späten Nachmittag geöffnet und das von Montag bis Freitag. Neben Griechisch- und Fremdsprachenunterricht in Englisch, Arabisch und Farsi bietet es kreative Aktivitäten, wie Malen, Handwerk und Verwendung von recycelten Materialien an. Mütter mit Kleinkindern besuchen zusammen mit zig anderen Geflüchteten aller Altersgruppen jede Woche das Zentrum.

Darüber hinaus haben die Freiwilligen mit Unterstützung von „Ärzte ohne Grenzen“ Bustickets gekauft, was sowohl den Teilnehmern die kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu den Camps Moria und Kara Tepe ermöglicht, als auch die lokale Wirtschaft stärkt. Dieses Ziel wird auch durch andere Projekte verfolgt. Zum Beispiel hat ein griechischer Handwerker ein Gebäude aus dem Jahr 1868 renoviert, das unter Denkmalschutz steht. Außerdem stammen die meisten angestellten Lehrer ebenfalls aus der lokalen Gemeinschaft.

„Neben denjenigen, die als Freiwillige unterrichten, haben wir ausgebildete Lehrkräfte gesucht und angestellt, um eine allgemeine, effektive und angemessene Lehrmethode für alle zu gewährleisten. Dadurch haben wir ebenfalls Arbeit für lokale Bürger geschaffen“, erklären Efi und Julian. “ Das ist Teil unserer Vorstellung einer funktionierenden Integration.“

Durch Spenden

Wie wird Mosaik finanziert? Tatsächlich sind die Aktivitäten bereits für ein Jahr gesichert. Mosaik erhält Spenden von Privatpersonen sowie von kirchlichen Organisationen aus ganz Europa. „Warum bewerbt Ihr Euch nicht für europäische Programme“, haben wir die Freiwilligen gefragt. Es wurde klar, dass das für die Gründer dieses Projekts keine Option darstellt. Zur Zeit ist es für sie unmöglich, bei der Europäischen Union Unterstützung zu beantragen, sowohl aus weltanschaulichen als auch aus politischen Gründen, da sie Europa als Hauptverantwortlichen für die Zustände ansehen, in denen Geflüchtete feststecken.

Neben dem Unterricht, der in Mosaik stattfindet, bietet es ebenfalls Freizeitaktivitäten für kleine Kinder an, damit deren Eltern den Unterricht besuchen können. Außerdem können Geflüchtete hier auch rechtliche und psychologische Beratung von Experten bekommen. Darüber hinaus können sie an einigen Workshops teilnehmen. Zum Beispiel können sie hier lernen, aus recycelten Schwimmwesten Handtaschen und andere Objekte herzustellen und diese dann in Europa zu verkaufen, womit sie ein kleines Einkommen haben und dadurch auch die lokalen Wirtschaft stärken.

Katerina Selaha

Die Philologin Katerina Evstathiou-Selaha, bekannt durch ihre Arbeit mit der Organisation „Embrace“ in Kalloni, unterrichtet freiwillig im Mosaik und sagte uns dies: „Mosaik ist ein fantastischer Ort, der von seinen Initiatoren mit viel Aufmerksamkeit, Respekt und Enthusiasmus aufgebaut wurde. Es ist Beispiel für andere ähnliche Initiativen in Griechenland und symbolisiert eine Menge. Zu allererst ist es ein inklusiver Ort, durch den Geflüchtete mit Menschen aus Mytilini in Kontakt kommen. Es ist eine ausgestreckte Hand der Freundschaft im Herzen der Stadt. Neben dem Unterricht haben wir an einer Reihe von kulturellen Events teilgenommen, die von lokalen Bürgern besucht wurden, die herkommen, um sich mit den Menschen im Mosaik auszutauschen. Für uns sind die Erfahrungen mit den Studenten sehr emotional. Wir bringen ihnen nicht nur die griechische Sprache bei. Wir lernen sie kennen, wir stellen enge Kontakte her, die sich, jedenfalls bis jetzt, als sehr wichtig für uns und unsere Studenten erwiesen haben.“

Fotos von Empros und Julian Köberer
Übersetzung von Julian Köberer

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